
Silvester ist jedes Jahr ein Kapitel für sich. Warum nur muss diese eine Nacht im Jahr immer so besonders sein? Warum muss diese eine Nacht die beste des Jahres werden? Warum all diese Erwartungen, die doch erfahrungsgemäß immer in Enttäuschung enden? Für mich ist Silvester meist der frustrierendste Abend des Jahres. Oder der extremste.
Auch dieses Jahr wussten wir bis kurz vor dem 31.12. nicht, was wir mit diesem Abend anstellen sollten. Da kam die Einladung, auf einer österreichischen Berghütte gemütlich zu feiern, eigentlich ganz gelegen. Eigentlich deshalb, weil mein Instinkt mir sagte, dass es sicher nicht so unkompliziert sein würde, wie es nach Erzählungen den Anschein hatte. Hätte ich mal bloß auf meinen Bauch gehört.
Da ich das aber nicht tat, brachen wir mit einer größeren Gruppe am letzten Tag des Jahres gen Österreich auf. Und bis zum Parkplatz unterhalb des Berges lief auch alles reibungslos.
Ab da lief es allerdings gar nicht mehr rund. Die Beschilderung zur Hütte führte uns auf einen kleinen, sehr steilen Pfad, der uns gleich zu Beginn stutzig werden lies. Das sah ganz und gar nicht nach "Familien- und Seniorenfreundlich" aus. Allen Instinkten zum Trotz (wozu ist man mittlerweile Stadtkind?) stapften wir weiter, immer den Spuren nach. Bis die Spuren verschwanden. Und wir im Nirgendwo standen. Ohne Funknetz. Etwas weiter den Berg hoch erwischten wir etwas Netz und konnten den Hüttenwirt erreichen. Der uns dann informierte, dass wir den falschen Weg genommen hatten. Na danke! Also alles wieder zurück, was wir in 2 Stunden hochgeklettert waren.
Dann also auf der richtigen Seite des Berges hoch, der nicht so steil sein sollte. Sollte. Er war noch steiler. Allerdings breiter. War ja auch ne Skipiste. Jetzt im Winter.
Nachdem wir weitere 2 Stunden gekraxelt waren und mittlerweile ziemlich erledigt (wozu macht man das ganze Jahr über keinen Sport?), informierten uns nette Skifahrer, dass wir erst die Hälfte des Weges geschafft hatten. Unsere Begeisterung kann man sich sicher vorstellen.
Eine halbe Stunde später waren wir soweit, umzudrehen. Zwei Wanderer, die den ganzen Weg in gut der Hälfte der Zeit geschafft hatten und schon Bescheid wussten, dass wir irgendwo im Nirgendwo steckten, überredeten uns, mit ihnen weiter zu klettern. Und damit wir nicht vollends vom Fleisch fielen, päppelten sie uns erst mal mit heißem Tee und belegten Broten auf. Für uns war es ein Glücksfall, dass wir die beiden trafen, denn die Gruppe hatte sich aufgelöst und es wurde bereits dunkel. Nicht die besten Voraussetzungen für Stadtkinder, in der Wildnis rumzurennen.
Ab diesem Zeitpunkt dauerte es weitere 2 Stunden, bis wir endlich an der Hütte ankamen. Gefühlt dauerte es allerdings 20 Tage, denn unser Weg führte in der Dunkelheit nur bergauf. Meter für Meter. Und so nahmen wir ihn auch. Meter für Meter. 10 Schritte hoch, Pause. Sternenhimmel betrachten (also ich, die Jungs hatten dafür keinen Kopf mehr) und weiterklettern. Und wieder Pause machen. Ohne unsere beiden Engel wären wir wohl nie angekommen. Mit einer schier endlosen Geduld haben sie uns den Berg hochgelotst, uns mit Tee und Broten versorgt und immer wieder Mut zugesprochen. Ebenso die beiden Berwachtler, die privat auf der Hütte waren und nach unserem Notruf mit Skiern unser Gepäck nach oben gefahren haben, wieder runter kamen und dann noch 2 von uns nach oben begleiteten. DANKE!
Falls es nicht wirklich rüberkommt: es ist beschissen, mitten in der Dunkelheit auf einem Berg zu stehen; nicht zu wissen, wo die beschissene Hütte ist, auf der man seit mindestens 2 Stunden schon sein will; keine Kraft mehr zu haben; die Motivation bei jedem weiteren Berganstieg noch ein Stück mehr zu verlieren, bis man schließlich an den Punkt kommt, an dem man sich einfach nur noch in den Schnee legen will, um bloß keinen Schritt mehr vorwärts oder rückwärts machen zu müssen; Hunger zu haben, zu frieren und nicht zu sehen, wohin man seine Füße setzt...Eine ziemliche Extremerfahrung.
Doch irgendwann kamen wir an. Ich weiß nicht wie, aber wir kamen an.
Oben gab es dann leckeres Essen, und vor allem einen richtig heißen Kachelofen:-)
Silvester war dann für mich verständlicherweise gleich nach 12 Uhr erledigt. Ich war so müde, dass ich einfach nur noch schlafen wollte. Bis halb vier ging das auch wunderbar, dann kamen allerdings die anderen in den Gemeinschaftssaal und ab da wurde es etwas schwierig, Schlaf zu finden.
Der Abstieg ins Tal am nächsten Morgen hätte dafür idyllischer nicht sein können. Eine wunderschöne Berglandschaft, leichter Schneefall und ein Weg, der nur abwärts führte. Herrlich!
Hier ein paar Bilder:



Nächstes Silvester werde ich definitiv auf der Couch verbringen. Oder an einem Strand unter Palmen. So viel ist sicher.
Bisou, Minou